08.07.2020 Mi

Wer bin ich, wenn ich Urlaub habe? Neuigkeit

Sommergedanken zur Ferienzeit von Pfarrerin Aline Seel.

Was nützt es Menschen, wenn sie die ganze Welt gewinnen, ihr Seele aber Schaden erleidet? (Mt 16, 26)

 Es naht die Ferienzeit. Auch wenn in diesem Jahr alles anders ist - es bleibt eine Zeit zum Seelenbaumeln. Ich mag es, mir vorzustellen, wie meine Seele für ein paar Wochen faultiergleich an einem Ast baumelt. Zugleich fällt es mir wie vielen nicht leicht, einfach in den Ruhe-Modus zu schalten, vom Haben zum Sein zu wechseln, vom Tun zum Lassen. Denn wer bin ich denn, wenn es keine to-do-Listen mehr gibt, kein volles Postfach, keine Termine, Zoom-Konferenzen, Anrufe und Whats-App-Chats? 

Es gibt diese Geschichte vom Mann, der Angst hatte, sich zu verlieren. Dieser Mann kommt in eine große Stadt und hat durch all das Getümmel Angst, dass er sich, wenn er einschlafen würde, beim Erwachen nicht mehr wiederfinden könnte. So bindet er sich abends einen Kürbis ans Fußgelenk, um sich morgens beim Aufwachen wiedererkennen zu können. Nun trieb jemand mit dem ängstlichen Mann seinen Schalk und band den Kürbis an sein eigenes Bein. Als der Mann am nächsten Morgen erwachte und den anderen mit seinem Kürbis daliegen sah, geriet er in große Verwirrung und rief: „Wenn Du ich bist, wer, um Himmels willen, bin dann ich?“

Ich glaube, allzuoft sind es wir selber, die unsere Kürbisse fast wie im Halbschlaf an alles mögliche festbinden, um uns dann in Momenten von Klarheit zu fragen: „Wenn das ich bin, wer, um Himmels Willen, bin dann ich?“

Wer, um Himmels Willen bin dann ich, wenn alles wegfällt, an das ich Tag für Tag mein Leben hänge? 

Wir hatten einen Geschmack dessen in den vergangenen Monaten. Auf drastische Weise fiel vieles weg, was uns lieb und vertraut war. Urlaub ist ganz anders als Krise - und doch gibt es Parallelen. Wir müssen uns fragen, was wirklich zählt und wer wir wirklich sind, wenn viele Routinen und Alltäglichkeiten wegbrechen.

Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: 

»Wer meinen Weg gehen will, sage sich von sich selbst los und nehme das eigene Kreuz auf sich und folge mir nach. Wer die eigene Seele retten will, wird sie verlieren. Wer das eigene Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es Menschen, wenn sie die ganze Welt gewinnen, ihr Seele aber Schaden erleidet?“ (Mt 16, 24-26)

So wünsche ich Ihnen, einen Sommer, in dem Raum zum Seelebaumeln ist. Tage, in denen keine Kürbisse an irgendetwas festgebunden werden müssen. Momente, in denen Ihre Seele in den Atemrhythmus Gottes kommt und Sie um Himmels Willen Ihre Seele als behütet erfahren.

Auf dass die Sommerzeit uns alle stärke für die Herausforderungen des Lebens, vor die wir in diesen Monaten so unausweichlich gestellt sind.