02.09.2019 Mo

Deutliche Worte beim Diakoniesonntag Neuigkeit

Pastor Matthias Fichtmüller, Vorstand des Oberlinhauses und Superintendentin Angelika Zädow im Dialog

Unter der Federführung von Pfarrer Matthias Amme organisierten Oberlinhaus und Kirchenkreis einen Tag des diakonischen Engagements.

Rund 120 Besucherinnen erlebten einen schwungvollen Gottesdienst mit dem Oberlin- und dem Popchor des Kirchenkreises.

Unter dem Motto "unerhört" wurden verschiedene Stimmen derer laut, die im Alltag oft nicht wahr genommen werden. Beeindruckende Beiträge, die spontanen Beifall erhielten -  ebenso wie die DIalogpredigt von Pastor Matthias Fichtmüller und Superintendentin Angelika Zädow.

Sie machten deutlich, dass Kirche und Diakonie sich für ein Umsteuern einsetzen, in denen die Bedürfnisse des Menschen an erster Stelle stehen. Gerade bei der Erschließung neuer Wohngebiete sei es dringender denn je, vom einseitigen Profitdenken weg zu kommen.

An verschiedenen Ständen konnten sich die Besucherinnen und Besucher ein Bild über die vielfältige diakonische Landschaft machen und auch selbst kreativ werden.

Dialogpredigt von Pastor Matthias Fichtmüller (F) und Superintendentin Angelika Zädow (Z)

Es gilt das gesprochene Wort

Dialogansprache Diakoniesonntag 1.9.2019 Oberlin, 11.00 Uhr

 

F (empört): Also das ist ja unerhört!!

Z: Was?

F: Na eben, die Berichte von den vielen Unerhörten: im Hospiz, der Telefonseelsorge, der alten Menschen,,,

Z: Doch klar.

F: Ich finde das echt unerhört, also empörend! So vieles, was in unserer Gesellschaft untergeht. Weil Menschen mit ihren Bedürfnissen nicht wahr  oder ernst genommen werden. Ist doch zum Haare raufen!

Z: Das stimmt. Wo bestimmt wird, was „normal“ ist, da fällt das „unnormale“ hinten runter.

Da braucht es einen Tag wie heute: Menschen schenken dem Ungehörten Aufmerksamkeit mit ihrer Stimme, Ihrem Tun, oder ihren Aktionen.

F: Naja, das tun wir ja nun mit unserer Diakonie: schon lange, zum Beispiel für die Menschen mit Taubblindheit. Stellen sie sich das mal vor: Es gibt ein Zeichen für Blindheit, die drei Punkte. Und eines für Gehörlosigkeit, das stilisierte Ohr. Aber es hat Jahre gedauert, bis es ein Zeichen für Taubblindheit gab. Wir als Oberlinhaus haben da alles Mögliche mit in die Waagschale geworden. Oder die Unmöglichkeit, dass ein Mensch mit Behinderung in Potsdam eine angemessene Wohnung mieten kann. Ja, leider zu teuer. Oder das Geordnete-Rückkehr-Gesetz, das seit Dienstag gilt. klingt ja sehr freundlich. Meint aber, dass Geflüchteten noch mehr Sozialleistungen gestrichen werden können.

Z: Vielleicht sind Kirche und Diakonie zu leise.

F: Wie meinen Sie das?

Z: Vielleicht müssten wir viel mehr so sein wie dieser Bartimäus….

F: Ah, die Erzählung von dem Menschen, der blind war und als Jesus in der Stadt war, ganz laut gerufen hat.

Z: Genau. Der hatte nämlich erst mal ganz wache Ohren. Denn ohne zu sehen, muss man hören, was um einen herum passiert, was die Menschen so reden. Und ich weiß von einem blinden Bekannten, wie gut das Gehör ausgeprägt sein kann.   (Beispiel)

F: Aber hinhören tun Kirche und Diakonie ziemlich gut wie ich finde. Sonst hätten wir die vielen Arbeitsfelder gar nicht entwickelt. Diakonie hat ja eine wirklich lange Tradition:

Taubblinde Menschen 
körperbehinderte Menschen
DDR Geschichte: Taubblinde Kinder durften unterrichtet werden, weil man auf die Geschichten der Eltern gehört hat.

Z: Ich denke auch, dass wir im Hören ziemlich gut sind. Aber dafür weniger im Schreien … Wir haben die Kunst der Diplomatie und des Abwägens von gelernt. Wir haben die Sprache von Verhandlungen gelernt. Aber das laute und widerständige Schreien gegen die Forderung anderer, gefälligst leise zu sein, höre ich selten um nicht zu sagen gar nicht …

F: Naja, Schreien höre ich viel … vor allem auch in den sozialen Netzwerken ….

Z: Stimmt. Aber das ist ein anderes Schreien. Irgendwie „schwarz – weiß“, finde ich. Die einen wettern gegen „die da oben“ oder traditionelle Institutionen wie Parteien, Kirchen, Eliten -  kurz gegen alle, denen sie sich nicht zugehörig fühlen.

Und die anderen, die sagen wie gut es doch allen geht …

F: Bartimäus schrie anders. Er schrie nicht gegen irgendwen an, sondern schrie seine Not, seine Verzweiflung und auch seine Hoffnung hinaus. Er wollte nicht einfach Wut verbreiten, sondern auch sagen: „Jesus, ich traue dir zu, dass du mir hilfst!“

Z: Wir können helfen, aber wir sind nicht Jesus!

F: Sind wir nicht, aber wir können den Kreis öffnen. Denn Jesus sagt zuerst: „Bringt ihn her“.

Z: Ah, das finde ich interessant. Es geht nicht um einen 1 zu 1 Begegnung, sondern um ein „Wir“.

F: Genau, es geht um eine Öffnung. Ein gemeinsames Hören. Auf die unerhörten! Die sich abgehängt fühlen und allein zu Hause sind. Die mit der ganzen digitalen Entwicklung nicht mehr mitkommen. Die sich um die Rente sorgen. Da sind nicht nur die Einrichtungen, Werke und Kirchengemeinden gefragt. Das ist etwas sehr einfaches, was jeder tun kann. Sich umschauen, hingucken, anpacken.

Z: Aber dann muss das Schreien kommen: für die Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten. Da muss es so viel Personal geben, dass kindgerechte Bildung ermöglicht wird.

Und dann das Stichwort Inklusion -  ist ja wunderbar! Aber dafür muss die Infrastruktur an den Schulen auch ermöglicht werden. Die Lehrkräfte allein können das nicht stemmen. Da wird individuelle Begleitung von Fachkräften gebraucht. Und das angemessen bezahlt!

Das muss laut und deutlich und mit Nachdruck gesagt werden! Das ist  Aufgabe von Kirche und Diakonie.

Und übrigens auch eine Forderung der Verantwortlichen. Ein Politiker in Sachsen-Anhalt hat mir auf die Frage: „Das wünschen Sie sich von der Kirche?“ gesagt „Dass Ihr uns laut und deutlich die Leviten lest!“

Also mal tacheles -  wie der Rheinländer sagt: Was sind die Forderungen der Diakonie?

F: da fallen mir einige ein:

 -  nicht nur im Wahlkampf den sozialen Wohnungsbau thematisieren!      

    Kommunale Flächen nicht mit max. Gewinn verkaufen
Pflegekräfte anständig bezahlen: Krankenkassen und Rentenkassen müssen anständige Refinanzierungen gewährleisten.
Bildung auch freigemeinnützigen Trägern zutrauen. Bildung ist kein Staatsmonopol. Leider sind die Hürden so hoch, dass nur wenige Träger eine freigemeinnützige Schule gründen können
Inklusion ja, doch die bestmögliche Förderung muss der Maßstab sein, nicht die politische Aussage, dass es nur noch gemeinsamen Unterricht geben soll.
Wettbewerb in der Gesundheit, in der sozialen Arbeit oder in der Arbeit mit behinderten Menschen? Keine Kostenschraube nach unten! Qualitätsstandard definieren! Auf Ausschreibungen verzichten!

Z: eine Lektion habe ich gelernt. Als Kirche und Diakonie dürfen wir beim Hören NICHT so sein wie die Jünger Jesu. Die wollten Bartimäus zum Schweigen bringen.

Unsere Aufgabe ist es, den Unerhörten den Kreis der Glaubenden weit zu öffnen. Zu hören, was sie bewegt.

F: Obwohl …

Z: obwohl was?

F: Meine Antennen sind nicht immer auf „Empfang“ gestellt …

Z: (lacht) Kenn ich! Man kann nicht immer nur zuhören. Wenn mir einer zum 12. Mal dasselbe erzählt, kann ich das nicht noch ein 13. Mal hören.

F: Und ich brauche manchmal einfach Ruhe, zum Nachdenken oder schlicht zum Entspannen.

Z: da ist es gut zu wissen, dass es einen gibt, der immer hört. Die leisen und die lauten Töne. Das Unausgesprochene und das Gesagte. Alles, was „zwischen den Zeilen“ steht. Und auch das, von dem ich meine, dass ich es niemandem sagen kann.

F: Eigentlich wunderbar: Mein Glaube an Gott, der mir immer zuhört, Bei dem ich alles abladen kann, was mir zu schwer wird. Und der mich damit so entlastet, dass ich wieder anderen zuhören kann.

Ein Satz aus den Sprichwörtern passt dazu: Ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, das macht beides der Herr.“

Beide: Amen.