03.07.2020 Fr

Wie Erdbeeren im Winter Neuigkeit

Gedanken zur Zeit von Superintendentin Angelika Zädow

Eben ging mir ein wirklich „schräger“ Gedanke durch den Kopf. Ausgelöst wurde er durch die erlebten und auch die in Vorbereitung befindlichen Gottesdienste: Ich verspüre eine unbändige Sehnsucht nach Singen so wie ich Lust auf Erdbeeren habe.

Diese reifen geschmackvollen roten Früchte genüsslich zu verspeisen -  das ist für mich vergleichbar mit vollmundigem Gesang - vor allem, wenn alle mitsingen dürfen.

Wenn es dann vielstimmig in  Gottesdiensten und Konzerten durch die Kirchen klingt, dann durchströmt mich eine Woge aus Dank und Zuversicht. Selbst wenn äußere und innere Umstände gerade nicht so prickelnd sind, baut mich das gemeinsame Singen auf.

Singen – Musik verleiht meinem Leben den richtigen Geschmack. Und Erdbeeren krönen mir den Sommer.

Und nun? Kein Singen in geschlossenen Räumen. Irgendwie ist es wie mit Erdbeeren im Winter -  die Zeit dafür ist nicht.

Mehr als bedauerlich. Aber nicht mehr als eine Zeit, die vergehen wird. Bis die Zeit wieder reif ist für vielstimmigen Gesang.

Daraufhin werde ich üben. Zur Not zu hause alleine – aber lauthals zu Musikeinspielungen.

Und die vielen anderen Früchte des Lebens und Glaubens genießen: Psalmen lesen, Gebete sprechen, Meditation üben, Segensformulierungen neu entdecken, Orgelspiel hören und alles wie Perlen aneinander reihen.

Und mich auf die Zeit freuen, wenn die Zeit wieder reif ist fürs Singen.

Zum Schluss eine meiner „Perlen“ von Mascha Kaleko:

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.