06.11.2020 Fr

Wie die Kinder werden Neuigkeit

Ein Gruß der Superintendentin des Kirchenkreises Potsdam

Ein Tag in meinem Büro beginnt mit einem Weg durch den Park. Die Kastanien fallen nicht mehr. Die Schafherde ist inzwischen weiter gezogen. Früh am Morgen gehört der Park der Natur und den Vögeln.

Menschen sind wenige unterwegs. Ein paar Jogger begegnen mir. Mittlerweile kennen wir uns vom Sehen, grüßen, lächeln und weiter geht’s.

Dann, im Büro, Stunden reihen sich wie Perlen aneinander:

Kleine analoge Sitzung auf Abstand,

Telefonschalte,

Videokonferenz,

unzählige Kontakte über die vielen digitalen Kommunikationswege - über die ekbo app, das Intranet, aber auch whatsapp, Nachrichten via sms oder Messangerdienste und

immer wieder die Fragen:

Wie kann was mit wie vielen Menschen gestaltet werden?

Übereinkünfte, Diskussionen, Theologisches und pragmatisches Abwägen.

Und dann organisieren, erklären, trösten, ermutigen, motivieren, strenge Worte sprechen, Termine absagen, umplanen, verschieben und immer wieder lüften, lüften, lüften, zwischendurch das Wärmekissen holen

Kurze Pause - dann geht’s weiter:

hören, was Menschen bewegt:

„Meine Mutter liegt in der Klinik“

„Meine Nichte feiert heute Geburtstag“

„Die Taufe meiner Enkelin wurde zum zweiten Mal verschoben“

Meine Tochter wohnt in Wien - sie hat sich noch nicht gemeldet.“

„Ich will das alles nicht mehr“

„Wir schaffen das“

„Hauptsache, die Kinder können weiter zur Schule“

„Ich habe noch ganz viel Urlaub - aber im Urlaub will man doch auch essen gehen, ins Theater, ins Kino, Familie und Freunde besuchen“

„Meinem Mann geht’s gar nicht gut“

Es dämmert früh im Herbst - schnell noch ein wenig Helligkeit erwischen – und wieder geht’s durch den Park.

Von Ferne sehe ich schon ein kleines Mädchen stehen. Sie steht mit ihrem Laufrad vor einer großen Pfütze. Und träumt. Ganz versunken. Die Mutter ruft freundlich „Na komm“, die Kleine dreht sich herum und erwidert mit Nachdruck „Nein“.

Und steht und träumt und nimmt die Umgebung mit allen Sinnen wahr: das Rauschen der Blätter im Wind, die Spiegelungen in der Pfütze, das Bellen der Hunde, die Unterhaltungen der Erwachsenen, das Licht der untergehenden Sonne, die schon kahlen Bäume, die am Himmel ziehenden Wolken, den würzig-modrigen Geruch der Erde, die Straßengeräusche im Hintergrund.

Alles nimmt sie in sich auf und träumt und schaut und hört und riecht - im Stehen.

„Was für ein schönes Bild“, denke ich.

So anhalten und einfach stehen bleiben - das möchte ich in diesen Zeiten auch. Anhalten und die Unmittelbarkeit des Augenblicks tauschen gegen alles, was mich sonst in der Woche umtreibt.

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18, 3). Dieser Satz geht mir durch den Kopf.

Werden wie die Kinder - das klingt irgendwie so naiv angesichts der schrecklichen Nachrichten über den islamistischen Terror und einige mit Lügen und Unterstellungen arbeitende Politiker und die steigenden Infektionszahlen…

Andererseits: Jesus sagt diesen Satz mitten in einen Streit hinein. Und auch danach geht es bei Matthäus um das Kleine, das gerade in Dunkelheit, Müdigkeit, Unsicherheit, allem Bösen den Weg hinaus zeigt.

Werden wie die Kinder - das heißt für mich, immer wieder am Tag Momente des Loslassens einzubauen. Je schwerer das Leben, desto mehr Augenblicke, die eine Abkehr, eine Umkehr davon bedeuten.

Allem, was belastet, bewusst den Rücken zu zukehren.

Beides gehört ja nach dem biblischen Wort zusammen: umkehren und wie die Kinder werden.

Das mutet Gott uns zu und das traut er uns zu: das Abwenden von der Last und wie die Kinder, der Lust des Augenblicks zu folgen.

Ich merke, das muss ich erst wieder üben. Aber Lust dazu habe ich:

Die Gedanken spazieren gehen zu lassen – auf Gottes Segensworten und jedes einzelne neu in mich aufnehmen. „Kehr um und werdet wie die Kinder“, aber auch mein Konfirmationsspruch, unser Trauspruch, der Taufspruch der Kinder, das Hoffnungswort aus dem Frühjahr von der Wäscheleine gepflückt….

Bleiben Sie behütet!

 

Ihre

Angelika Zädow