Jesus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! (Johannes 7, 37)
07.07.2015 Di

Traueransprache für Dr. Joachim Walter Neuigkeit

von Superintendent Dr. Joachim Zehner, 27. Juni 2015, Friedenskirche Potsdam-Sanssouci

Sehr geehrter, lieber Herr Schütz, liebe Familie, liebe Frau Pfarrerin Gelder aus Preetz, liebe Gemeinde und Chöre, liebe Schwestern und Brüder!

Wir sehen ihn noch vor uns: sein Lachen, die strahlenden Augen, freundlich, zugewandt. Mit einem „wogenden Ozean von Tönen“ hat er uns hier in der Friedenskirche übergossen - mit seinem Orgelspiel von dort oben. Heute stehen wir an seinem Sarg. Das ist bitter, das fällt uns schwer, das lässt uns fassungslos zurück. Wir wollen Joachim Walter die letzte Ehre geben und ihn auf seinem letzten Weg geleiten: Den Künstler, den großen Künstler, den der Gemeinde und dem Gemeindeaufbau zugewandten Musiker, den Menschen mit seiner Liebenswürdigkeit und freundlichen Ausstrahlung. Als er sich in Potsdam auf die freie Kirchenmusikerstelle bewarb – das ist noch nicht einmal zweieinhalb Jahre her - da schrieb er mir: „Ich (Joachim Walter) arbeite gerne mit Menschen jeglichen Alters zusammen und sehe mich als kollegialen, aufgeschlossenen und freundlichen Mitarbeiter, was in einem entsprechenden Auftreten z. B. gegenüber den Mitarbeitern und Pastoren der Gemeinde, den Kollegen im Kirchenkreis sowie gegenüber kirchlichen und außerkirchlichen Institutionen zum Ausdruck kommt.“ So konnte er sich nicht nur sehen - so war er. Das ist wahr geworden und Grund zu großer Dankbarkeit in dieser Stunde der Trauer. Den Bibelvers für diesen Gottesdienst heute hat er selbst gewählt: „Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setzte auf Gott, den Herrn, mein Vertrauen. Ich will all deine Taten verkündigen.“ (Psalm 73,28). Wir wollen ihn nun Gott anvertrauen, der ihn so reich beschenkt hat, mit vielfältigen Gaben und mit so viel Freundlichkeit.

Dr. Joachim Walter kam in Schwaben zur Welt. In Geislingen an der Steige wurde er am 24. Januar 1965 geboren – vor nur fünfzig Jahren. Hier wuchs er mit seinem jüngeren Bruder Hanspeter heran. In Göppingen legte er sein Abitur ab. Die Musik war für ihn – so wurde mir berichtete – von Anfang an eine neue, eine andere Welt, die ihn faszinierte. Und mit der Kirchenmusik erschloss er sich die große, wunderbare Welt des Glaubens. 1985 begann er in Tübingen das Studium der Musikwissenschaft und - überraschend – der klassischen Archäologie und Skandinavistik. Im Privatstudium hatte er schon lange mit dem Orgelunterricht begonnen. Mit Auszeichnung bestand er das Kirchenmusikstudium A und das Konzertexamen an der Musikhochschule Lübeck. Dort, in der Lutherkirche und an der Stadtkirche in Preetz in Holstein, fand er seine Wirkungsstätten. In Göteburg in Schweden promovierte er über romantische Orgelregistrierpraxis. Er gab seiner akribischen, wissenschaftlichen Arbeit den schönen Titel: „This heaving Ocean oft Tones …“ „Die Orgel – dieser wogende Ozean von Tönen“. Musiker war er mit Passion. Das wurde oft und mit Dank festgestellt. Konzertreisen führten ihn nach Russland, nach Holland, Brasilien, Australien und andere Länder. Vor sieben Jahren, Herr Schütz, fanden Sie und Joachim Walter zusammen. Fand er den Partner seines Lebens. Und dann kam Potsdam! Im Januar 2014. Es sollte seine letzte Station werden. Potsdam war sein Ziel. Hier wollte er bleiben. Hier gewann er die Herzen der Menschen. Hier setzte er seine kirchenmusikalischen Akzente. Gern standen wir in der Sakristei, sprachen miteinander und sprachen das Rüstgebet. Adolph von Harnack, der große Theologe hat einmal den Satz gesprochen: „Nichts stärkt einen Menschen mehr als das Vertrauen, das ihm entgegen gebracht wird.“ So ist unser Gott und so will er die Welt verändern. Joachim Walter konnte es leben: das Vertrauen in seine Sängerinnen und Sängern hat sie gestärkt und zu Ungewöhnlichem befähigt. In der Kantorei, im Vokalkreis und im Oratorienchor. Im Februar 2014 erreichte mich und uns alle die Nachricht: Pankreaskrebs. Wie eine dunkle Wolke hing nun dieser Befund über der Gemeinde, über seinem künstlerischen Wirken. Phasen großer Verzweiflung und immer wieder neuer Zuversicht wechselten sich ab. Tapfer, unendlich tapfer und diszipliniert war er: „Ich will weiter Musik machen!“ Seine Konzerte waren schon bis 2017 geplant. Und zur Trauer kommt heute auch der Dank für das, was wir einander gegeben haben, was wir ihm geben konnten in dieser schweren Zeit. „Wir singen für Joachim Walter – soli Deo Gloria“ wurde vor einem der Konzerte gesagt, als er schon nicht mehr dirigieren konnte. An Ostern diesen Jahres wurden die Botschaften der Ärzte immer alarmierender. Joachim Walter heftete sich ein Blatt an seine Kühlschranktür zuhause in der Sattlerstraße. Hier ist es. Da stand darauf: „Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setzte auf Gott, den Herrn mein Vertrauen.“ Darunter: „Einheitsübersetzung“. „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setzte auf den Herrn.“ Er setzte darunter: „Luther“, dann – ganz der Wissenschaftler - auf Latein: „Deo bonum est, ponere in Domino spem meam.“ „Vulgata“. Dann ein Zitat aus der Apostelgeschichte, da heißt es: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ „Luther“. In unserem letzten Gespräch, lieber Herr Schütz, waren wir uns einig: „Er zog aber seine Straße fröhlich“ – so war er, das ist er! Es folgte Bibelzitate aus einer Kluge Motette und von Buxtehude: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille in Christo Jesu an euch.“ „Luther“ Liebe Gemeinde! Die Bibel war für Joachim Walter ein „Lebensmittel“. Das waren die Worte, die er sich seinen Kühlschrank heftete! Die Botschaft hat sein Herz erreicht. Damit war er uns ein großer Zeuge des Evangeliums. Machen Sie es Joachim Walter nach! Heften Sie einen Zettel an den Kühlschrank! Gottes Wort ist Trost und eine Lebenskraft. Ich werde bei meinen Hausbesuchen als Pfarrer in Zukunft darauf achten, was bei Ihnen am Kühlschrank hängt. Martin Luther sagt: „Die Anfechtung lehrt uns auf’s Wort zu merken.“

Und trotzdem ging es sehr rasch. Im Potsdamer Hospiz - die letzten Tage. Dr. Joachim Walter ist am Dienstag, den 16. Juni 2015 gestorben.

Für uns Christen steht am Ende des Lebens jedoch nicht der Schrecken. Wie oft haben wir die Botschaft mit ihm gesungen: „Jesus, meine Zuversicht.“ Darauf hat er gehofft und darauf hoffen wir. Hier in dieser Kirche hat er mit uns bekannt: „Ich glaube an das ewige Leben … die Gemeinschaft der Heiligen.“ Im August 2013 schreibt er mir aus Preetz, aus Holstein, noch vor seinem Dienstbeginn und endet in seiner Nachricht: „Dies in aller Kürze, denn ich muss zu den Kinderchören eilen.“ Ja, es war kurz, zu kurz. Nun ist er wieder davongeeilt. Am 16. Juni 2015 zu den himmlischen Chören. Wir nehmen Abschied in der Gewissheit: dies ist kein Abschied für immer. Er ist uns vorangegangen. Und wir danken für eine reiche Zeit mit Joachim Walter.

Amen.