03.08.2017 Do

"Wir können etwas tun!" Neuigkeit

Superintendent Dr. Joachim Zehner über den Kircheneintritt

Sie wolle in die Kirche wiedereintreten, sagt die junge Frau und kommt in unsere Potsdamer Kircheneintrittsstelle in der Nikolaikirche. „Das freut mich sehr! Was hat Sie dazu bewogen?“ frage ich vorsichtig. Dann kommen die Gründe: Die Zeit in der Jungen Gemeinde, jetzt wieder etwas davon „zurückgeben“, nun sei sie  auch Mutter geworden. 15.000 Menschen sind im letzten Jahr wieder in die Evangelische Kirche in Deutschland eingetreten. Erwachsenentaufen, Übertritte nicht mitgerechnet. Das sind viele! Wissen wir, was sie bewegt? Margot Käßmann spricht sogar von 60.000 Eintritten, mal mehr, mal weniger. Die Erwachsentaufen, Übertritte mitgezählt. Eine Projektgruppe der EKD hatte sich des Themas angenommen und dazu publiziert: „Schön, das Sie (wieder) da sind! Eintritt und Wiedereintritt in die evangelische Kirche“ (EKD-Texte 107). Warum sitze ich als Superintendent jeden Mittwoch von 17 bis 18 Uhr in der Eintrittsstelle in der Potsdamer Nikolaikirche? Weil dieses Thema „Chefsache“ ist! Jeder Eintritt ein Fest der Freude! Die Tränen rollen, als ich am Ende des Gesprächs für die Wiedereingetretene und ihre Familie bete. Der Kirchenkreis Potsdam ist im Jahr 2016 um 84 Gemeindeglieder gewachsen. Die 64 Eintritte seit dem Bestehen der Kircheneintrittstelle in unserer Nikolaikirche spielen dabei auch eine Rolle. Wir haben die drei missionarischen Impulse der EKD aufgegriffen: Tauffeste (aus dem Jahr der Taufe 2011), Glaubenskurse für Erwachsene (Projekt Erwachsen glauben der EKD und der EKBO), Kircheneintrittsstelle. Meine These: Wir können etwas tun! - Kirchenaustritt ist kein „Naturereignis“. Die EKD und EKBO-Projekte zeigen: Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Mir pumpt es als Pfarrer neue Energie ein, die Gründe zu hören, warum Menschen in Glaubenskurse oder eine Kircheneintrittststelle kommen. Als Theologe weiß ich und als Christ bin ich davon überzeugt: Gott ist gegenwärtig in dieser Welt im Heiligen Geist. Er hat sich nicht in den „Vorruhestand“ begeben, nachdem er Friedrich Nietzsche und die Religionssoziologen unserer Tage las. Mut machen Bücher von Menschen, die in unseren Tagen zum Glauben kommen: Nina Hagen, Bekenntnisse 2011 und Daniel Böcking, Ein bisschen Glauben gibt es nicht. Wie Gott mein Leben umkrempelt 2016. Mission und Diakonie sind konstitutiv für unsere Kirche. Kirche ohne Diakonie – unvorstellbar! Kirche ohne Mission – leider eine Realität. Das Greifswalder Missionsinstitut der EKD kommt in einer Untersuchung zum Ergebnis: Evangelisation gehört mehrheitlich nicht zum Selbstverständnis der Pfarrerinnen und Pfarrer der EKD. In meinem Potsdamer Amtszimmer hängt ein Zitat von Martin Luther. Karl Barth hat es als Vorwort seiner Kirchlichen Dogmatik aus dem Jahre 1934 wiedergegeben: „Wir sind es doch nicht, die da künden die Kirche erhalten, unsere Vorfahren warens nicht, unsere Nachfahren werden auch nicht sein, sondern es ist der, der sagt: ‚Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.‘“ Nikolaus Graf von Zinzendorf sagt: „Um mich habe ich mich ausgesorgt.“ Wir müssen uns auch nicht um die Kirche sorgen. Im übertragenen Sinne ist Kircheneintritt wirklich „Chefsache“. Wir sollen aber gelassen und tatkräftig das Unsere tun: missionarische Kirche sein; Tauffeste, Glaubenskurse für Erwachsene und eine Kultur des Willkommens pflegen.

Superintendent Dr. Joachim Zehner