14.01.2019 Mo

Am Puls der Zeit Neuigkeit

Zu Besuch in der Sterngemeinde mit Predigt der Superintendentin

Die Trennwand zu einem weiteren Raum muss geöffnet werden. Menschen strömen zum Gemeindezentrum "Am Stern". Mit Fahrrädern, zu Fuß oder der Straßenbahn machen sich jeden Sonntag viele auf den Weg. "Es ist selten, dass wir weniger als 100 sind", berichtet Pfarrer Markert.

Der Sonntag am Gottesdienst ist hier der Treffpunkt für jung und alt - Treffpunkt, um Dinge für die Woche abzusprechen, sich auszutauschen oder  zu verabreden - manchmal auch, um Helferinnen und Helfer für bevorstehenden Großprojekte zu werben. So wie an diesem Sonntag für die Vorbereitung des Weltgebetstages. Da ist die Kirchengemeinde Gastgeberin für die ganze Region. Und die ausliegende Helferliste füllt sich im Handumdrehen.

"So muss Kirche", meint ein junger Mann.

Da kann man nur wünschen "weiter so"!

 

Predigt von Superintendetin Angelika Zädow vom 13.1.2019 im Stern -  es gilt das gesprochene Wort

Friede sei mit euch mit euch. Durch Christus. Unseren Bruder. Amen.

Liebe Gemeinde,

der für heute vorgeschlagene Predigttext führt uns eine längst vergangene Zeit. Er ist deutlich vor dem 7. Jahrhundert vor Jh.v.Chr. entstanden. Diesen Abstand der Zeit – 2700 Jahre (wahrscheinlich mehr) -  mache ich mir immer wieder deutlich, wenn ich im Alten Testament lese.

Und bin fasziniert davon, mit wie viel Liebe zum Detail die Menschen damals solche Texte zusammenstellten und wie ein Komponist verschiedene Motive zu einem Werk ineinander woben.

Drei Motive unseres Textes greife ich heraus:

1.   Wendezeiten:

Nach vier Jahrzehnten stehen sie nun hier: am Rand der Wüste - das einzige, was ihre Generation bisher kannte: Wüste, nur Wüste, Steine und Sand. Und: Wandern jeden Tag, immer weiter. Gefahren umgehen, Schwierigkeiten meistern. Allmählich hatten sie darin Sicherheit gewonnen.

Am Rand der Wüste stehen sie und erinnern sich: an die Erzählungen der Alten: wie sie damals aufbrachen mit nichts als der Verheißung, dass Gott ihnen den Weg zeigen würde.

Hinter Mose her, dem vertrauten sie. Meistens. Nicht immer. Zweifel nagten. Die Schwarzseher wollten lieber zurück in die sichere Gewissheit. Egal ob die in Ägypten lag oder nicht. Hauptsache Fleischtöpfe. Verlässlich. Erwartbar. Bloß keine Überraschungen.

Doch durchgesetzt hatte sich die sehnsuchtsvolle Hoffnung der anderen. Der Weg ins verheißene Land erschien ihnen kühn und neu und verlockend.

Und nun am Rand der Wüste: wieder Skepsis. Die tägliche Routine von Zeltauf- und -abbau war vertraut geworden. Warum nicht einfach weiter so?

Statt sich den Gefahren einer Flussdurchquerung auszusetzen, noch dazu wo man wusste, das drüben die feindlichen Völker lauerten. Bleiben wir doch lieber einfach hier.

Die anderen bekamen glänzende Augen, wenn sie „nach drüben“ schauten. Zum Greifen nach schien das verheißene Land, von dem die Alten sagten, dass da Milch und Honig fließen.

Sie drängten darauf, den Weg hinüber zu wagen.

Nach 40 Jahren Wüstenwanderung ist Wendezeit: Zeit sich zu entscheiden.

40 Jahre: Ich denke zurück an mein Leben. 14 war ich damals. Konfirmation. Die ersten Schritte selbst bestimmten Lebens. Dinge in Frage stellen. Was will ich, was will ich nicht?

Wo waren die Wendepunkte in meinem Leben seither?

Wo stand ich wie vor einem Jordan ohne Brücke, was waren die Strömungen der Zeit, die Untiefen des Lebens?

Bei der Berufswahl?

Bei der Geburt deines Kindes?

der Pflege für die Eltern?

Bei Umzug und Neuorientierung …

Oder bei enttäuschter Liebe,

Ausgrenzungserfahrungen?

Wenn Dinge geschehen, mit denen niemand gerechnet hatte:

Arbeitslosigkeit, Krankheit …

Und plötzlich stehst du am Ufer und weißt nicht, wie Du durch die Fluten kommst. Ob Du es wagen sollst oder nicht. Du spürst, es wird nicht bleiben wie es ist. Aber einen Plan, eine Ahnung von dem, was kommt, hast Du auch nicht.

2.   Ankerpunkt:

Wie damals zu Mose am Schilfmeer, so schauen sie alle mehr oder weniger ratlos zu seinem Nachfolger Josua. Was tun? Flöße bauen? Aber womit? Sag, was sollen wir machen?

Josua antwortet: „Heiligt euch“. Was so viel wie die Aufforderung ist, sich auf eine Liturgie, auf eine Begegnung mit Gottes Wort vorzubereiten. Also „Heiligt Euch“, jetzt ist Gottesdienst, lasst ihn machen.

Eine Gottesbegegnung in liturgischer Feier? Jetzt? Hier? Ich kann mir die Fragezeichen der Menschen in den Gesichtern vorstellen.

Denn ich wäre eine von denen gewesen, die Pläne gemacht, Lösungen diskutiert hätten. Kreativ und leidenschaftlich.

Statt dessen Liturgie -  mich darauf vorbereiten, das Leben bedenken und auf Gott und sein Wort hören, als wäre an diesem Platz ein Heiligtum.

Und dann auch noch die Anweisung von Josua. Mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Erschrecken hätte ich sie gehört.

„Die Priester nehmen die Bundeslade und bleiben mit ihr im Jordan stehen. Dann geht ihr anderen hindurch.“

Das war das Heiligste, was die Menschen hatten. In ihr befanden sich die 10 Gebote – in ihnen ist Gott in seinen Worten gegenwärtig. Die Lade in die Strömung hinein? Wenn die verloren geht oder kippt? Was haben wir dann noch? Wer sind wir ohne DAS Symbol unserer Religion und unseres Kultus?

Josua lenkt die Aufmerksamkeit von dem, was die Israeliten bewegt -  die praktisch Denkenden wie die zweifelnd Skeptischen auf die Gegenwart Gottes.

Er fordert nicht mehr als ihr Vertrauen in Gott. Der war schließlich ihr Identifikationspunkt. Den trugen sie vor sich her. Der war ihr Stolz. Nach ihm richtete sich ihr Leben aus.

Die ersten Schritte gehen sie zögernd noch. Doch das Vertrauen trägt. Die Priester machen es vor. Stehen mit ihrem Gott in den Fluten. Sicher und fest. Ankern im Wasser wie auf sicherem Grund.

Und je weiter sie gehen, desto sicherer werden sie. Der Glaube trägt.

Kann ich das -  meinen Glauben in die Strömungen des Lebens stellen? Was ist eigentlich der Anker meines Glaubens? Der mir Halt gibt und Mut?

Was sind meine „heiligen Dinge“, die ich nicht immer vor mir her trage wie die Israeliten damals, aber die ich immer mal wieder zur Hand nehme. Die mich erinnern an das, was schön war oder auch schwer. Die mir Halt geben durch die Zeiten hindurch.

Ich merke wie viele unterschiedliche Dinge das sind.

Da sind die Bibelworte -  immer mal wieder ein anderes – z.B. dies aus dem Jesajabuch „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Quelle, die nie versiegt.“ Oder auch „Selig seid ihr“.

Aber da sind auch die kleinen Erinnerungsstücke. Der Ring von meiner Großmutter. Er erzählt von ihrer Zuneigung zu den Enkeln. Von dem Vertrauen ins Leben, das sie ausstrahlte.

Da ist die Postkarte aus Taize - der ökumenischen Gemeinschaft in Frankreich, wo sich Zehntausende jährlich treffen. Sie weitet mir den Blick in die Welt - so viele sind unterwegs auf den Spuren Jesu. Und ich mittendrin. Das macht mir Mut.

Die Muschel vom Strand. Sie lässt mich das Salz auf den Lippen schmecken und den Wind im Gesicht spüren. Ein Hauch von Frieden und Freiheit und Glück. Das schenkt mir Zufriedenheit.

Das alles ist mir heilig. Diese kleinen Zeichen zeugen von der Gegenwart Gottes – in meinem Leben.

Andere haben andere heilige Zeichen. Aber kein Mensch ist ohne sie. Kein Mensch ist ohne Gott. Er ist schon immer da. Und bleibt bei uns, wohin wir auch gehen, was immer auch kommt.

Wirf deinen Glaubensschatz in die Lebensfluten wie einen Anker. Wage den ersten Schritt. Und noch einen. Und noch einen. Langsam. Sicher werdend. Vor dir breitet sich das Land aus. Die Zukunft, die Gott dir verheißen hat.

3.   Verwandeln

Und so ziehen sie an der Bundeslade vorbei durch den Jordan. Erreichen das verheißene Land.

Doch das ist bereits vergeben. Da siedeln andere Völker.

Wie wird das gehen? Mit Menschen anderer Religion wie die Kanaaniter, mit anderer Kultur und Umgangsformen wie die Perisiter? Mit den mächtigen Girgaschitern und den poltitisch und militärisch einflussreichen Hethitern? Und erst mit den räuberischen Banden der Jebusiter?

In unserem Text steht, dass Gott die Völker „vertreiben“ wird. Vor dem Hintergrund, dass dieser Text auch erklären soll, wie es den Israeliten gelang, in einem bereits bewohnten Land sesshaft zu werden, kann ich diesen Ausdruck einordnen.

Aber für mich heute kann ich dieses alte Wort „vertreiben“ nur übertragen deuten, ungefähr so:

Wie gehe ich eigentlich mit Herausforderungen im Leben um - wie gehen wir damit um, wenn wir Neues und Unbekanntes treffen?

Welche Umgangsformen und Kulturen sind uns fremd gewesen und was ist uns heute fremd?

Ich denke noch einmal zurück an mein Leben. Vor 40 Jahren – in einer Kleinstadt von stetigem Zuzug geprägt. Die Nachbarn aus dem Norden sagten „moinmoin“, die Leute aus Bayern ihr „Grüß Gott“. Die türkischen Freunde „salem alejkum“, der indische Klassenkamerad „alavida“. Die Älteren „Guten Tag“, die Jüngeren „Hi“. Und alle waren erst einmal verwirrt.

Wie die Verwirrung in Neugier verwandeln? - Das war damals die Aufgabe.

Sich nicht zurückziehen in eine Gemeinschaft der „Gleichgesinnten oder Gleichgrüßenden“, sondern sich erzählen: Dass moinmoin eigentlich so etwas wie „angenehm, schön, gut“ bedeutet und salem aleikum „Friede sei mit dir.“

Ein einfaches Beispiel.

Schwieriger wird es, wenn mir Neid, Missgunst, sogar Hass begegnen. Wie kann ich da meinen Ärger und meine Wut verwandeln?

Was, wenn ich mit Krankheit oder Kummer umgehen muss?

Wie kann ich Hoffnungslosigkeit verwandeln?

Wie schaffe ich es, gerade dann meine heiligen Zeichen -  alles, was mich an Gott und sein Wirken erinnert – zur richtigen Zeit mitten in alle Herausforderungen zu stellen.

Den Anker zu werfen. Und sicher in die Zukunft hinein zu gehen. Weil ich weiß. Gottes Segen war da. Er ist da. Und er wird da sein.

Damals bei den Israeliten. Heute bei uns. Im Stern. Und jeden Tag, der werden wird. Amen.

Gott schenke euch Zeichen seiner Nähe auf euren Wegen und bewahre sie euch in Herz und Sinn. Amen.