29.03.2020 So

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Predigt zum Sonntag von Pfarrer Andreas Neumann, Drewitz

Predigt zu Hebr 13,12-14, Judika, 29032020, Coronazeit

Pfarrer Andreas Neumann, Drewitz

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und von unserm Herrn Jesus Christus!

Der Predigttext steht im Hebräerbrief Kapitel 13,12-14

Mit dem Opfer Jesu ist es wie mit diesen Tieropfern:

Weil Jesus gekommen war, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, musste auch er außerhalb der Stadtmauern sterben.

Lasst uns daher zu Jesus vor das Lager hinausgehen und die Schmach auf uns nehmen, die auch er getragen hat.

Denn hier auf der Erde gibt es keinen Ort, der wirklich unsere Heimat wäre und wo wir für immer bleiben könnten. Unsere ganze Sehnsucht gilt jener zukünftigen Stadt, zu der wir unterwegs sind. (Genfer Übersetzung)

Liebe Gäste, Liebe Gemeindeglieder unserer beiden Gemeinden an der Versöhnungskirche!

Einer opfert sich für alle, damit alle leben.

Und das hat zur Folge, dass alle anderen Opfer aufhören.

Einer, Jesus, opfert sich für alle.

Damit sind wir frei von dem Zwang, uns Gott angenehm machen zu müssen.

Ihn uns aus eigener Kraft gewogen zu stimmen.

Versprechungen zu machen, damit er dies oder das tue.

Einer, Jesus, hat sich geopfert ein für alle Male.

Da muss nichts wiederholt werden. Das ist gültig.

Die Schuld ist abgetragen.

Das bleibt so. Für immer.

Glaube dem Gekreuzigten und du findest Versöhnung und Frieden für deine wunde Seele. Vertraue darauf, dass Jesus dein Weg zu Gott ist - du wirst dich mit Gott treffen.

Vertraue dein Leben Jesus an.

Du wirst die Spuren seiner Rede, seines Tuns unter den Menschen, seines Geistes finden in deinem Leben.

Menschliche Opfer sind sinnlos seit jenem Nachmittag auf Golgatha draußen vor dem Stadttor.

Doch das Thema „Opfern“, das sind wir damit nicht losgeworden.

Leider.

Gerade ist es wieder unter uns aufgebrochen.

Wie immer in Krisenzeiten gibt es Opfer zu beklagen.

Es gibt eine scharfe Diskussion zu diesem Thema:

Wie viele Todesopfer darf es geben?

Welche Opfer müssen gebracht werden, um zu vermeiden, dass Ärztinnen und Ärzte eine Auswahl treffen müssen, die für Patienten tödlich ist?

Wie lange darf das öffentliche Leben so sehr eingeschränkt bleiben, wie momentan?

Denn auch das kostet Opfer. Viele Menschen werden die Arbeit verlieren. Existenzen gehen schon jetzt kaputt.

 Schon jetzt opfern sich viele auf, die sich nicht ins sichere Homeoffice zurückziehen können. Kassiererinnen, Pflegekräfte, Mitarbeitende in der öffentlichen Versorgung, Polizistinnen und Rettungskräfte und viele andere mehr.

Ohne ihre selbstverständliche Opferbereitschaft, sich jeden Tag besonderen Ansteckungsrisiken auszusetzen, würde alles zusammenbrechen.

Wie viele Opfer dürfen es sein, damit es eine gute Zukunft geben kann?

Das sind Fragen, die uns überfordern. Das merken wir. Und dennoch brauchen diese Fragen Antworten. Wir müssen die Folgen gemeinsam tragen.

Menschen werden diese Antworten mit dem Leben bezahlen.

Wir werden die Fragen um den Themenkomplex „Opfern“ nicht los.

Die Christinnen und Christen, damals um das Jahr 70 nach Christus, haben das auch gespürt und gewusst.

In ihrer Beziehung zu Gott, da waren sie sich sicher, ist das durch Jesus selbst geklärt.

Aber im Hinblick auf ihre christliche Existenz war es ein großes Thema in der Gemeinde:

Sollen wir uns auf uns selbst zurückziehen und in einem inneren Zirkel verkriechen, damit wir sicherer leben?

Oder sollen wir uns dem Leben „draußen“, vor dem Stadttor, außerhalb des Geltungsbereiches des sicheren Stadtrechtes aussetzen und dabei möglicherweise in Lebensgefahr geraten?

Zum Beispiel durch Christenverfolgung.

Wenn die Gemeinde damals so fragt, geht es um das grundsätzliche Verhalten der Gemeinde gegenüber der sie umgebenden Umwelt.

Als die Gemeinde das überlegt hat, da gab es keine Regeln, die das Zuhause bleiben vorgeschrieben haben. Nicht auf die Straße gehen, um eine Infektionsrate zu senken, das war damals nicht die aktuelle Frage. Und natürlich ist das nicht als Aufforderung zu verstehen, durch unvernünftiges Verhalten, durch „Rausgehen“, andere Menschen zu gefährden.

Da haben Christen keine andere Weisheit als die Virologen.

Wenn die Gemeinde damals also geantwortet hat: „Draußen“, „Draußen“ bei den anderen Menschen, da ist unser Platz, dann war damit die Frage gemeint, wie sehr sie sich als Christen einbringen wollten in die Gesellschaft ihrer Zeit. 

Inmitten der Menschen, die überwiegend Nichtchristen sind, wollen wir leben.

Da wollen wir Gutes tun. So haben sie geantwortet. Da ist der Platz der Gottesbegegnung.

Der Ort, wo wir gefragt sind.

„Draußen“, da ist der Ort, wo wir von Gott mitten im Leben bewahrt werden.

„Draußen“ lernen wir Menschen kennen, die anders als wir denken. Andere werden uns kennen lernen. Dadurch werden wir uns besser kennen lernen.

Heilige sind wir, da waren sich die Christen damals sicher.

Das heißt_ Ich bin aus einer sicheren Beziehung zu Gott heraus für würdig befunden, in Gottes Dienst zu sein. In seinem Auftrag unterwegs bin ich in meinem kleinen Leben. Ich bin eine Große, ein Großer bei Gott.

Mein Vertrauen wird nicht enttäuscht werden.

Längst vergangen geglaubte Fragestellungen sind unter uns plötzlich aktuell.

Manche Vergnügung, der wir uns gerne hingegeben haben, erscheint viel kleiner. Wir vermissen das Cafe´, den Fußball, die Kultur, das zwanglose Beisammensein mit anderen. Keine Frage.

Wir merken aber auch: Es gibt einen Unterschied zwischen lebensnotwendigen und anderen schönen Dingen.

Bei der Frage, gemeinsam Gottesdienst feiern zu können, erleben es die Gemeinden gerade in der Passions-und Osterzeit als besonders schmerzlich, dass das jetzt nicht geht.

Die Christen damals haben das für sich so ähnlich festgestellt.

Im Leben bleibt vieles unerfüllt. Im Leben und im Glauben ist vieles auch immer wieder schwierig.

Das vollkommene Glück findest du auf der Erde nicht.

Da gibt es viele harte Erfahrungen zu machen.

Glaubensprüfungen sind zu bestehen.

Zeiten der Gottesfinsternis sind durchzustehen.

So formulieren sie das Ziel, dass es außerhalb der schönen, bunten, lebenslustigen Stadt, und dass es außer dem anstrengenden „Draußen“ noch die zukünftige Stadt Gottes gibt.

Ein himmlisches Zuhause für alle Ewigkeit, in dem alle Menschen willkommene Aufnahme finden.

In dem allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren wird.

Gottes Himmel, die Ewigkeit, das himmlische Jerusalem, unsere Bibel hat viele Beschreibungen dieser guten Stadt Gottes, dort werden die Armen und Rechtlosen in Abrahams Schoß sitzen.

Dort wird es keinen Schmerz, kein Weinen , keine Gewalt, keine schrecklichen Krankheiten, und am Ende viele beantwortete Fragen geben.

Das Erstaunliche ist, dass die Christen, die den Hebräerbrief als Trostschrift schon damals gelesen haben, sich unter den weiten Mantel des großen Hohepriesters Jesus flüchten.

Sie bleiben aber gleichzeitig auch der Welt, der Zeit, in der sie leben, treu.

Sie sind bereit, ihre Lebenszeit einzusetzen füreinander und für andere.

So wird der Ort der finstersten Gottverlassenheit, „Draußen“, vor den Toren der Stadt, so wird die Schädelstätte, der Ort der schmachvollen Hinrichtung des Sohnes Gottes, ihnen zum Ort der Rettung.

Opfer und Hingabe sind der Weg, den die Erlösten gelassen und mutig gehen.

Gott ist auf diesem Weg im Gekreuzigten gegenwärtig.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.