05.04.2020 So

Predigt zum Palmsonntag Neuigkeit

Von Pfarrer Andreas Neumann, Drewitz

Predigt zu Mk 14,1-9, Palmsonntag, 05032020, Coronazeit (R II neu)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und von unserm Herrn Jesus Christus!

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Geld oder Liebe?

Hätten Sie die Wahl, was würden sie nehmen?

Sagen Sie jetzt bitte nicht zu schnell: Natürlich die Liebe, ist doch klar!

Bei näherem Nachdenken fiele auf: Geldnot kann Liebe töten. Streit ums Geld entzweit ganze Familien. Ohne Geld, wie sollte man da Entwicklungsprojekte finanzieren, die Schule Talitha Kumi am Laufen halten, Bedürftige unterstützen?

Liebe ganz ohne Geld, ist das also doch eher eine schöne romantische Illusion?

Da sind wir doch gleich mittendrin in unseren aktuellen Gesprächen über den richtigen Weg aus der Coronakrise!

Die einen sagen:

Der Weg der hingebungsvollen Liebe, die für das Leben des Nächsten alles einsetzt, das ist jetzt der Weg. Wir müssen unter allen Umständen so viele Menschenleben wie möglich retten. Koste es, was es wolle.

Andere sagen: Die kühl kalkulierende wirtschaftliche Vernunft, sie muss jetzt die Oberhand behalten. Die Vernunft muss das Ganze als Zusammenhang im Blick behalten und viele Menschen, deren Leben in Würde sehr bald nicht mehr möglich sein könnte, weil sie ihre berufliche Existenz verloren haben.

Die kalkulierende Vernunft muss einschreiten die sagt: So geht das nicht. Von den Quarantänemaßnehmen sind Millionen Menschen Betroffene. Menschen, die nichts mehr haben, von dem sie leben können. Deswegen müssen wir eine uns unbekannte Zahl von Menschenleben opfern für die Rettung der Wirtschaft unseres Landes, von der wir alle leben.

Es gibt zur Zeit keine Möglichkeit, böse Folgen einfach zu umgehen.

Es gibt keine Sicherheit, was das Beste sei.

Niemand weiß, wie es am Ende ausgehen wird.

Im Moment versuchen wir, beide Wege zu berücksichtigen.

Wir spüren aber deutlich: Lange geht das nicht mehr mit dem Shutdown der Gesellschaft.

Hingebende Liebe oder wirtschaftliches Kalkül, das sind im Hinblick auf die Folgen gar keine Gegensätze. Sie betrachten die Wege aus der Krise nur anders, gewichten anders.

Es gibt den einen Königsweg einfach nicht.

Die Frau, die im Hause Simons, des Aussätzigen handelt aus der Liebe heraus.

Sie hat für sich begriffen:

Das ist mein großer Augenblick.

Vermutlich werde ich Jesus nicht wiedersehen.

Jetzt setze ich das ein, was ich habe.

Das Glas knirscht, das Parfümfläschchen zerbricht, und sie verreibt das kostbare Parfüm auf dem Kopf von Jesus.

Der ganze Raum wird erfüllt gewesen sein von einem intensiven Duft, denn es war ein sehr teures Parfüm. Einen ganzer Jahreslohn eines einfachen Arbeiters , so teuer ist es gewesen, den hat sie da in einem einzigen Moment über Jesus ausgeschüttet.

Dass überhaupt eine Frau sich so einem Mann nähert, ist schon alleine ein gesellschaftlicher Skandal. Sie fasst ihn an, sie salbt ihn ein, das ist eine noch schlimmere Regelübertretung.

Die Frau gibt alles in dem einen entscheidenden Augenblick.

Ohne es zu wissen, vollzieht sie ein Salbungsritual, das nur Königen zukommt, oder Sterbenden.

Die Frau salbt Jesus zu einem König, zu dem lange versprochenen Sohn Davids, der auf dem ewigen Thron des Messias sitzen wird.

Und zugleich salbt sie einen, dem der Weg ans Kreuz, der Weg in den Tod bestimmt ist. Dessen Sterben unmittelbar bevorsteht.

Dieser ist es! Das macht die Frau durch ihr hingebungsvolles, liebevolles Tun klar.

Dieser ist es, auf den ihr hören sollt, dem ihr folgen sollt. 

Dem ihr vertrauen werdet im Leben und im Sterben.

Jesus wird liebevollste Zuwendung zuteil, bevor er sich auf den Weg nach Golgatha machen muss.

Wie ein vorweggenommener Schutz, wie ein grandios inszenierter Liebesgruß von Gott für diesen dem Tode Geweihten, erscheint diese Geste der Frau.

Die Frau ist in ihrem verschwenderischen Tun bis heute unter uns bekannt. 

Ihre Hingabe im richtigen Moment hat Geschichte geschrieben.

Ein einziger Augenblick. Aber der bleibt in Erinnerung.

Viele Menschen werden sich in diesen Tagen und Wochen bewusst, dass alles endlich ist.

Viele begreifen, dass Ereignisse von außen, auf die wir keinen Einfluss haben und derer wir nicht so schnell Herr werden, unser Leben in sehr kurzer Zeit vollkommen verändern.

Viele fürchten sich davor, krank zu werden oder gar zu sterben.

Viele, ich finde, erschreckend viele, sind dazu bereit, plötzlich fast alle Grund - und Freiheitsrechte abzugeben, oder sogar die Demokratie infrage zu stellen.

Auf Grund von Furcht und mit Angst lassen sich jetzt Maßnahmen durchsetzen, wie zentral ausgelesene Bewegungsprofile, die in anderen Zeiten einen sofortigen Aufschrei ausgelöst hätten.

Mit dem Versprechen, es diene der Gesundheit Vieler, greifen staatliche Behörden in drastischer Art und Weise in das Privatleben ein.

Für die Gesundheit des deutschen Volkes ist das jetzt nötig, sagen sie.

Das erinnert an schlimme politische Zeiten in Deutschland.

Anderen gefällt gerade das, der starke Staat, der es den Regelverletzern mal so richtig zeigt. Der endlich für Ordnung sorgt.

Aber ist das nicht lediglich die andere Seite unserer Angst und Furcht?

Ängstliche Gedanken suchen Halt, Schutz, wollen Ordnung herstellen in einer ganz und gar unordentlichen Lage.

Wir wollen Handlungssicherheit gewinnen, in einer Zeit, in der so gut wie nichts sicher erscheint.

Wir wollen jedes einzelne Leben schützen und zerstören dabei möglicherweise das Leben vieler anderer.

Schauen wir auf die Frau im Hause Simons, des Aussätzigen.

Se vertraut auf die Kraft, auf die Energie der Liebe.

Sie verletzt alle Regeln und beglaubigt darin die Pläne, die Ideen, die Gott mit diesem Jesus hat. Weil eine ordentliche Königssalbung gerade nicht zu diesem Jesus passt, wird sie vollzogen von einer Frau mit vermutlich anrüchiger Biografie.

Sie erkennt, was im gegenwärtigen Augenblick zu tun ist.

Sie kalkuliert gerade nicht, sondern liebt bedingungslos.

Das kann unser Weg sein in dieser Krise, die uns so viel Angst einflößt.

Jesus erbarme dich doch!

Den schweren Weg werden viele gehen, aber sie  gehen Jesus hinterher.

Der ist an der Seite aller, die jetzt in Schwierigkeiten und Nöte geraten.

Er ist solidarisch mit uns allen, die den Königsweg nicht wissen, wie das Böse vollständig aufgehalten werden könnte.

Wir vertrauen darauf, dass die, die auf den Kreuzweg müssen, unter Gottes besonderem Schutz stehen und Gott besonders nahe sind

Glauben.

Lieben.

Hoffen.

Am ehesten im Gedächtnis bleiben die mutigen Taten der Liebe!

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

Amen.