05.04.2020 So

Andacht zu Palmsonntag Neuigkeit

Von Prädikant Klaus Büstrin

Andacht am Sonntag Palmarum 
5. April 2020
 
Wochenspruch Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben (Johannes 3. 14+15
 
 
Kostbar war der Moment       In „Singt Jubilate“  S. 109 Kostbar war der Moment, als sie den Raum betrat,
das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden.
Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat.
 
Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang
die Mauer der Bedenken durchschritt, um Trost zu schenken.
Kostbar war der Moment, für sie ein Lobgesang.
 
Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach
und Duft das Haus erfüllte, sie zärtlich Ängste stillte.
Kostbar war der Moment, Erinnerung wirkt nach.
 
Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt,
sie schützte und sie ehrte, als sie Danke hörte.
Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat.
                                                     Ilona Schmitz-Jeromin   
 
 
Predigt : Eine neue Kultur des Miteinanders
Und als Jesus in Bethanien war, im Haus Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl. Sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Einige wurden unwillig und sprachen untereinander: Was soll die Vergeudung? Man hätte dieses Öl für mehr als 300 Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren die Frau an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden. Was betrübt Ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn Ihr habt allezeit Arme bei Euch. Und wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihnen Gutes tun. Mich aber habt Ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. (Markus 14.3-9)


Liebe Leserin, lieber Leser,
Eine aufregende Passionszeit liegt jetzt fast hinter uns. Sieben – oder jedenfalls „sechs Wochen ohne“ – für die einen. Ohne Hektik. Ohne Termine. Ohne großartige Pläne. Ohne Machbarkeitswahn. Denn die weltweite Ausbreitung des Corona Virus hat vieles von dem, was unser Leben bestimmte, einfach außer Kraft gesetzt. Termine wurden abgesagt, Kitas und Schulen geschlossen, Osterrreisen abgesagt


„Sechs Wochen mit“ für die anderen. Mit Arbeit über die Belastbarkeitsgrenze hinaus im medizinischen Bereich und in den Supermärkten. Mit Zukunftsangst für Betriebe, für Selbstständige, für Künstler. Ein Schreckensszenarium, das uns vor allen Dingen deshalb so in Panik versetzt, weil wir noch gar nicht abschätzen können, was da alles auf uns zurollt. Wir stehen sprachlos vor einer Welt, die so fest erschien und auf einmal so zerbrechlich geworden ist. Das Leben wird für viele Zeitgenossen  auf einmal besonders wertvoll. Und so möchte ich diese vergangenen Wochen trotz aller Ängste und Schreckensnachrichten auch in anderer Hinsicht „sechs Wochen mit“ nennen:
Sechs Wochen mit mehr Aufmerksamkeit. Mehr Mitgefühl. Mehr Wertschätzung. Mehr Vorsicht. Mehr Bescheidenheit. Mehr Demut.
Die Tischrunde bei Simon, dem ehemaligen Aussätzigen, befindet sich ebenso wie wir kurz vor einem ihrer größten Feste, zwei Tage vor dem Passahfest, das ja bekanntlich parallel zu unserem Osterfest gefeiert wird, weil Jesus am Vorabend des Passahfestes mit seinen Jüngern das Abendmahl feierte und dann festgenommen und gekreuzigt wurde.
Ein großes Fest steht also für die Juden ins Haus. Ein Fest, auf das man sich gut vorbereitet hat, das Haus gründlich gereinigt,  gekocht und gebacken.  So war es ja noch im vergangenen Jahr bei uns auch. Wir haben uns informiert in Zeitschriften, was am besten gekocht werden soll. Und ob es lieber ein Osterfrühstück oder einen Osterbrunch geben soll. Manch eine/r hat den Ostergottesdienst besucht oder einen Osterspaziergang mit der Familie unternommen. in den fanden vielerorts Karfreitags-Konzerte statt, Osternachtsfeiern, Gottesdiensten, Osternachts-Spaziergängen, gemeinsame Osterfrühstücke …


Und dann kommt alles anders. Es kommt alles anders am Tisch, an dem Jesus eingeladen ist.
Das richtige Essen, die richtigen Leute. Und eine nicht sehr angesehene Frau. Wo hat sie das viele Geld her für dieses kostbare Nardenöl? 300 Silbergroschen? Öl, mit dem normalerweise Könige gesalbt werden. Ja, woher kommt dieses Geld, diese Frage allein gibt Anlass zu Spekulationen. Und zu übler Nachrede.


Auch wir wollten alles richtig machen. Und dann kommt auch bei uns alles anders. Von jetzt auf gleich sind alle die Pläne geplatzt. Und auch das geht. Karfreitag und Ostern ohne Terminüberfrachtung. Es kommt alles anders. Damit können wir Menschen nicht gut umgehen. Wenn uns die Initiative aus der Hand genommen wird für etwas, was wir ganz akribisch geplant hatten, dann reagieren wir ärgerlich. Denn dann haben wir nicht nur selbst Angst davor, weniger bedeutungsvoll zu sein. Sondern eben auch ganz schlicht die Angst, dass wir unser Leben nicht mehr im Griff haben.  Eine andere Sichtweise wäre die: Diese Frau, die da ins Haus kommt, nicht als Störung und mit Angst zu betrachten. Sondern als Geschenk, als Ressource. Als jemand, die die Feier bereichert. Die etwas Wertvolles beiträgt.
Viele sind es derzeit, die an der Grenze zu Europa ausharren. Die als Störung betrachtet, ängstlich beäugt werden, wenn sie es wagen, mit an den Tisch der Europäer zu kommen. Ob sie etwas beitragen können, wird gar nicht erst gefragt. Sondern das zu erhalten gesucht, was ursprünglich geplant war.


2015 wurden die Grenzen geöffnet. Nicht alles ist gut gelaufen, aus diesen Erfahrungen kann man lernen. Viele haben auch 2015 ihre ganz persönlichen Gaben mitgebracht. Schon jetzt ist es so, dass Altenheime und Krankenhäuser auf die zusätzlichen Arbeitskräfte dringend angewiesen sind, gerade jetzt, wo medizinisches Personal sein Äußerstes gibt. Und es mit diesen ursprünglich ungebetenen Flüchtlingen gilt, das Leben deutscher Kranker zu retten.


Ja, unsere christlich-jüdischen Werte werden beschworen in Europa. Und ist nicht einer dieser Werte das „Fremdsein“? Unterwegs zu sein, auf der Flucht zu sein, bestimmt das Leben unserer Vorfahren seit frühestem Anfang. Ob Abraham oder Ruth, ob das Volk Israel aus Ägypten oder Maria und Josef nach Ägypten, ob Paulus auf dem Weg nach Europa und viele, viele andere. Hätte Lydia damals Paulus nicht aufgenommen in ihr Haus, wer weiß, ob man heute noch eine Ahnung vom Christentum hätte. Unterwegs sein bedeutet auch dies: Über den Tellerrand schauen. Lernen von anderen. Nun also die fremde Frau am Tisch Simons, der einmal aussätzig gewesen ist, dem dieser Makel immer noch anhängt, und der nicht wirklich dazu gehört. Diese Frau kommt nicht, um den Leuten etwas wegzunehmen. Sie kommt, um etwas zu geben. Kostbares Nardenöl, Salböl für Könige. Jesus wird damit gesalbt. Der Messias, der Gesalbte. Der König von unten. Der König mitten unter uns. Der König auch für die, die am Rand stehen. Nicht in einer großen Zeremonie inthronisiert. Sondern am Tisch mit seinesgleichen.
Auch für diesen Gesalbten kommt alles anders. Kein fröhliches Passahfest, sondern die Kreuzigung. Das Ende. Und der neue Anfang, die Auferstehung.
Es ist dieser Gesalbte, der uns bis heute bewegt, der unsere Grenzen überschreitet, der uns verbindet, der uns Mut macht. Auch die Grenzen, die uns in diesen Tagen gesetzt sind.


Es könnte uns als Christinnen und Christen auszeichnen, dass wir unterwegs sind. Und damit auch in der Lage, uns auf neue Situationen einzustellen.
Gemeinsam. Wir alle an einem Tisch. Simon der Aussätzige, der Außenseiter hat eingeladen. Gemeinsam an einem Tisch? Auch das muss in diesen Tagen, wo es Leben retten kann neu definiert werden. Auch hier sind wir unterwegs. Unterwegs zu einer neuen Kultur des Miteinanders. AMEN


Kollektenzweck:
Amtliche Kollekte: Für die Arbeit der Gefängnisseelsorge 
Die Seelsorgenden in den Gefängnissen sind für die Gefangenen da, für deren Angehörige und ebenso für die Mitarbeitenden. Sie feiern Gottesdienste und bieten Gruppenveranstaltungen an, geben Raum, in dem die Gefangenen erfahren, dass sie nicht auf die Summe ihrer Taten festgelegt werden und Chancen haben für einen Neuanfang. Sie unterstützen die Inhaftierten darin, Verantwortung für sich und nicht zuletzt für ihre Taten zu übernehmen. Wir bitten Sie – in diesen Tagen, da keine Gottesdienste vor Ort in den Kirchengebäuden stattfinden können, auf diesem Weg – die Gefängnisseelsorge durch Ihre Spende zu unterstützen, diesen besonderen Arbeitsbereich kirchlichen Handelns an einer hochsensiblen Schnittstelle von Staat und Kirche.


Kontoverbindung: Konsistorialkasse, Ev. Bank 
IBAN DE27 5206 0410 0003 9060 00 / BIC GENODEF1EK1 
Zusatz Spende Gefängnisseelsorge 05.04.2020 EKBO


 
Kollekte für die Friedenskirchengemeinde:
Für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Konfirmanden in der Friedenskirchengemeinde


Kontoverbindung: Evangelische Bank eG
IBAN DE12 5206 0410 0003 9098 59 / BIC GENODEF1EK1
Verwendungszweck: 2011 Frieden, Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Konfirmanden
 
Gebet:

Gütiger Gott! Du hast uns das Leben eingehaucht. An jedem Frühlingsmorgen genießen wir die Frische der Natur. Nun aber spüren wir, wie verletzlich wir sind. Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.

Gütiger Gott! Du hast uns Würde und Sinn verliehen. Mit jeder Entscheidung übernehmen wir Verantwortung dafür. Nun aber spüren wir, dass sich vieles gegen uns kehrt. Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.

Gütiger Gott! Du hast uns Jesus als Lebensbegleiter mitgegeben. Im Glück und im Wohlstand waren wir uns seiner sicher. Nun aber hoffen wir, dass uns seine Leidenskraft stark macht. Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.

Gütiger Gott! Du stehst für Hoffnung und ewige Treue. Doch Unheilspropheten zitieren für ihre Sicht die biblischen Plagen. Lass uns Jesu Auferweckung als Gegenrezept entdecken. Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem.

Gütiger Gott! Dein Sohn Jesus hat Kranke geheilt und Trostlose mutig gemacht. Wenn wir zu zaghaft reden und zu knapp helfen, dann verstärke Du das durch dein großes „Ja“! Du Schöpfer der Welt, gib uns einen langen Atem. Amen
 
Segen
Und der Friede Gottes und der Mut Gottes, die heilsamer sind als alle unsere Berechnungen, bewahren uns in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen


Ich wünsche Ihnen Gottes Geleit in der kommenden Zeit.
Klaus Büstrin