20.06.2019 Do
Konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung

Konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung Neuigkeit

Ökumenische Andacht zu Beginn

Mit einer ökumenischen Andacht begann der Nachmittag, an dem sich die Stadtverordnetenversammlung konstituierte.

Propst Dr. Arnd Franke und Potsdams Superintendentin Angelika Zädow gestalteten die Liturgie.

In ihrer Ansprache sagte Angelika Zädow unter anderem: "Ich wünsche das Gelingen einer Streitkultur, die in Respekt voreinander geschieht und ohne verletzende Worte auskommt. Ich wünsche Ihnen den Mut zur Klarheit, wo jemand nicht mehr auf dem Boden der Demokratie steht; wo mit Häme auf Verletzung und Verleugnung reagiert wird. Denn Rassismus und Ausgrenzung von Menschen darf aus christlicher Perspektive niemals salonfähig werden."

Hier ein link zum Bericht in der Presse:

https://www.pnn.de/potsdam/stadtverordnetenversammlung-potsdams-oberbuergermeister-attackiert-afd-politiker/24474910.html

 

Die vollständige Ansprache von Superintendentin Angelika Zädow finden Sie hier:

 

Ansprache in der ökumenischen Andacht in St. Peter und Paul Potsdam zur Stadtverordnetenversammlung am 19.6.2019 von Superintendentin Angelika Zädow

Es gilt das gesprochene Wort

 

Liebe Stadtverordnete, liebe Gemeinde, lieber Bruder Franke,

manch einer wird sich vielleicht bei der Lesung gewundert haben.

Der Brief eines Propheten zu den nach Babylon ins Exil geführten Menschen. Wie passt das zum Beginn einer neuen Legislatur der Stadtverordneten – noch dazu in dieser herrlichen Stadt Potsdam?

Ich finde, das kommt darauf an, wo man den Vergleichspunkt ansetzt. Wir sind gewöhnt, mit dem Klang der Stadt Babel mindestens Sprachverwirrung wenn nicht sogar leicht Anrüchiges zu verbinden. Das würden wir mit Potsdam vermutlich weniger verbinden.

Im Exil sind wir hier nicht. Die meisten sind hier geboren oder wollen hier sein. Auch die zu uns geflüchteten Menschen spüren hier ein wenig von der Sicherheit, die zu einem Heimatgefühl gehört.

Meiner Meinung nach liegt der Vergleichspunkt in den Dingen hinter dem Ausgesprochenen.

In der Stadt Babel trafen damals die unterschiedlichsten Gewohnheiten und Bräuche, Sprachen und Dialekte, Religionen und Interessen aufeinander. Ganz ähnlich erlebe ich als noch immer – sagen wir – „fast Neue“ unsere schöne Stadt. Hier leben die Ur-Potsdamer der verschiedenen Generationen mit ihren Erinnerungen an Kindheit und Jugend.

Hier leben Menschen, die kurz nach der Wende kamen mit ihrem eigenen Blick auf die Stadt.

In den folgenden 30 Jahren bis heute kamen und kommen Menschen aus allen Regionen. Schwaben und Westfalen, Rheinländer und Nordlichter, und seit 2015 auch Menschen aus vielen anderen Ländern der Welt.

Und mit ihnen die unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten. Was für eine Stadt wie Potsdam UNBEDINGT sein muss, was zu lassen, und was wichtig oder unwichtig ist.

In solch einem Schmelztigel der Verschiedenheiten sind die Herausforderungen damals wie heute ähnlich. Immer gilt es, die Unterschiede so auszubalancieren, dass ein gemeinsamer Weg gefunden wird.

Schon damals war das schwierig. Die im Exil Lebenden schwankten zwischen Trauer über den Heimatverlust und damit verbunden dem Rückzug aus allem Engagement in der Stadt.

Die einheimischen Stadtbewohner schwankten zwischen freundlichem Desinteresse an den Neuen und Abgrenzung ihnen gegenüber.

In beiden Gruppen -  den „Alten“ und den „Neuen“ - begannen Menschen, aufeinander zu zugehen. Begegneten neugierig dem, was fremd war und übernahmen dies in die eigene Lebensgestaltung.

Kritisch beäugt und mitunter mit hämischen Bemerkungen bedacht von den „eigenen Leuten“.

In diese Unterschiede hinein schreibt der Prophet: „Suchet der Stadt Bestes“. Und das Beste  für die Stadt Babel damals sah er im Schalom. Heute sagen wir dazu im deutschen kurz „Frieden“. Der Schalom meint aber nicht nur die Abwesenheit von Krieg -  was ja, wenn ich so manchen post in den sozialen Netzwerken sehe -  schon schwer genug ist.

Schalom schließt soziale Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung, das Eintreten für die Armen und vor allem den weiten Blick über die Stadt in die Welt hinein, mit ein.

Die Reaktion der Verantwortlichen ließ damals nicht lange auf sich warten: „Weltfremd, Träumer“. „Mit Visionen und Gottes Wort kann man in schwierigen Zeiten keine Politik machen.“

Ich denke ja, dass wir heute sogar mehr Träumer und Visionäre brauchen. Weil sie völlig frei von irgendwelchen Sachzwängen sind. Und die Fragen stellen können, die andere nicht mehr stellen.

Jeremia sagt: Auf dem Weg zum schalom sind so viele Chancen und Möglichkeiten verborgen. Gerade Fremdheit und Krisenhaftes hat in ihm das Potenzial zum Miteinander hat - weil man es nicht als feindlich betrachtet, sondern mit dem Blick des und den Willen zum Frieden.

Und was heißt das nun für Potsdam, für die Menschen, für die Politik, für die Kirchen? Was ist das Beste?

Für das gesellschaftliche und soziale Miteinander? Ich denke ja, es braucht dazu so etwas wie milieuübergreifende Neugier. Und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Begegnungsflächen der Unterschiedlichen zu befördern und die Lust auf das Andere, Fremde zu wecken.

Potsdam ist eine lebendige vielfältige Stadt. Unterschiedlichste Initiativen und Menschen treffen aufeinander. Das ist eine große Herausforderung für alle Verantwortlichen.

Ich wünsche Ihnen, dass sie mit den anderen Akteuren dieser Stadt zu einem gemeinsamen Blick finden.

Einem, der den Schalom, den umfassenden Frieden zum Ziel hat.

Einem, der die Unterschiede der Milieus und Stadtteile und Menschen als Reichtum dieser Stadt versteht. 

Dazu wünsche ich das Gelingen einer Streitkultur, die in Respekt voreinander geschieht und ohne verletzende Worte auskommt.

Ich wünsche Ihnen aber auch den Mut zur Klarheit, wo jemand nicht mehr auf dem Boden der Demokratie steht; wo mit Häme auf Verletzung und Verleugnung reagiert wird.

Denn Rassismus und Ausgrenzung von Menschen darf aus christlicher Perspektive NIEMALS salonfähig werden.

Gott gebe Ihnen seinen Segen dazu.